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Güterzuglokomotive der
preuß. Gattung G10
Ein merkbarer
Fortschritt in der Bewältigung der riesigen Transportaufgaben im Güterverkehr
der preußischen
Staatsbahnen
war die ab 1902 beschaffte, vierfach gekuppelte Heißdampflok der Gattung G8.
Zeitgleich konnte
durch Oberbauverstärkung
auf Hauptbahnen ein Achsdruckvon 17t zugelassen werden. Diese Umbauten konnten
aber nicht mit der Verkehrsentwicklung
Schritt halten, so daß nach einer gleichwertigen Güterzuglok mit 14t
Achsdruck
gesucht werden mußte. Die Lösung konnte nur
in Form eines Fünfkupplers sein. Da die neueren
preußischen Konstruktionen
einheitlicher waren als die Einheitslok der
Reichsbahnzeit, wurde aus bestehenden
Gattungen recht schnell eine brauchbare
Lok geschaffen. Unter Verwendung des
Fahrwerks der T16 (1905) und des
Kessels und Triebwerks der P8 (1906) wurde
1910 bei Henschel in Cassel die Gattung G10
entwickelt. In der
Leistung übertraf die G10 die G8 nicht sonderlich, was aber
auch nicht gefordert war. Ohne besondere
meßtechnische Untersuchungen begann im selben Jahr der Serienbau, der auch
nach der Einführung der
wesentlich verstärkten
G8.1 (1913), der G12.1 (1915), der G12 (1917), der G8.3 (1918) und der G8.2
(1919) bis in
die zwanziger Jahre weiterging. Die
Beschaffungsstatistik ist durch die Kriegsjahre, die Gebietsverluste,
Waffenstillstandsabgaben, Neulieferungen an Dritte und
Lizenzbauten recht unübersichtlich. Ebenso ist das
Schicksal vieler Lok,
insbesondere der im Osten verbliebenen Lok, weiterhin
ungeklärt. Für die Preußische
Staatsbahn wurden bis 1919 von Henschel, Borsig, Grafenstaden und Hanomag 1179 Lok
beschafft. Hier ist auch
die erste von Krupp gebaute Lok 1919 gezählt. Wie
Krupp nahm auch Rheinmetall 1920 den Lokbau
auf und
beteiligte sich wie O&K (ab 1921) und Hohenzollern (ab 1923) an den
G10 Lieferungen der Reichsbahnzeit.
Zwischen
1920 und 1924 kamen so weitere 1401 Lok in Betrieb, so daß sich eine Summe von
2580 beschafften
G10 für die deutschen
Staatsbahnen ergibt. Von 1910 bis 1913 beschafften die Reichseisenbahnen
Elsaß-
Lothringen 35 G10 und die österreichischen
Heeresbahnen bis 1917 weitere 20 Lok. Wie schon bei der P8 erhielten
die
rumänischen Staatsbahnen (CFR) zunächst
gebrauchte Lok und erhoben auch die G10 zur Standardbaureihe.
Zunächst von
deutschen Herstellern und dann auch im eigenen
Land gebaut, kamen werksneu insgesamt 727 G10
zur CFR. Weitere Serien gingen
neu mit 30 Lok an die Polnische Staatsbahn
(PKP), mit 27 Lok an die SAAR-Bahn
und mit 25 Lok 1923 zur Bagdadbahn, so
daß in der Summe 3444 G10 gebaut wurden.
Nach dem ersten Weltkrieg mußten 222 Lok als Waffenstillstandsabgaben
abgetreten werden oder verblieben beim
Feind. Im
endgültigen Umzeichnungspaln der Deutschen Reichsbahn 1925 bekamen 2358 G10
eine neue
Betriebsnummer als Baureihe
57.10-35 zugeteilt. Bereits 1926 kommt es zum Verkauf von 42 Lok an die CFR.
Bis
auf die Ausmusterung von 57 1001 hält
sich der Bestand, wächst 1937 durch die Übernahme der SAAR-Bahn
nochmals um 37
Lok, ehe der zweite Weltkrieg die G10
auf halb Europa verteilt. Beschränken wir uns nur auf die
Aufzählung der
Länder, die während des Krieges und danach
Bekanntschaft mit der G10 machten. Das wären
Albanien, Belgien, Bulgarien,
Dänemark, Frankreich, Griechenland,
Jugoslawien, die Niederlande, Norwegen,
Österreich, Polen, Rumänien, die
Sowjetunion, die Tschechoslowakei und Ungarn.
Auch nach Kriegsende kam es
durch Loktausch, Rückgaben und die Abfuhr von
Beutelok in die Sowjetunion zu großen
Verschiebungen in den
Bestandslisten. In den Westzonen verblieben nach
Kriegsende etwa 650 Lok, zudem noch 81 Lok im
Saar-Gebiet.
Von den über 100 in Österreich verbliebenen Lok und den etwa 115
Lok der sowjetischen Besatzunmgszone
wurde noch ein nicht unerheblicher Anteil als Beutelok in die Sowjetunion
abgefahren. Teilweise wurden die in
Deutschland
verbliebenen Beutelok an die jeweiligen Eigentumsbahnen zurückgegeben.
Politisch begründet
verblieben die östlichen Lok, auch
anderer Baureihen, im Westen und die westlichen Lok im Osten. Im Gebiet der
Deutschen Bundesbahn erlangt die G10 infolge
eines hohen Bestands an Güterzuglokomotiven nicht mehr die
einstige Bedeutung.
Ab 1954 gingen die Erhaltungsbestände
zurück. Die letzen G10 der DB fuhren in bei den Bw
Bestwig und Haltingen bis
1968, von denen noch vierzehn Lok eine EDV-
Nummer erhielten. Bei der DR in der DDR
wurden nach allen Abgaben und
Ausmusterungen der Kriegsschadlok noch 108
G10 im Bestand erfaßt, die in den
Direktionen Greifswald, Magdeburg und
Schwerin zum Einsatz kamen. Bis 1965 wurden nur
einzelne Lok
ausgemustert, von 1966 und 1969 aber immerhin 80 Lok. Bis 1973
wurden die letzten G10 ausgemustert, von
denen auch noch sechs Stück eine EDV-Nummer erhielten. Je eine DB- und DR-Lok
wurden museal erhalten.
Einschließlich
unserer Museumslok kehrten bislang vier G10 aus Rumänien nach Deutschland
zurück. Weitere
Museumslok finden wir in
Österreich, Polen, Rumänien und der Türkei.
Beim Bw Heilbronn
spielte die G10 bzw. spätere 57.10-35 keine große Rolle. Einen numerischen
Einzelnachweis
gibt es im
Bestandsplan vom Sommer 1925. Zu Kriegsende sind zwei Rückführlok von der
Ostfront verzeichnet und
Mitte der 50er Jahre
gibt es eine paar 57er in Heilbronn, die in den 60ern schon wieder
verschwunden sind.
Unsere G10 wurde 1930
von Henschel unter der Fabriknummer 21660 gebaut und an die Rumänische
Staatsbahn
geliefert. Bei
der CFR erhielt sie die Betriebsnummer 50.397 zugeteilt. Da das Betriebsbuch
beim Kauf nicht
auffindbar war, kann über die
Einsatzgeschichte keine Aussage gemacht werden. Zusammen mit weiteren G10 und
P8 wurde 50.397 1998 im rumänischen
Ausbesserungswerk Klausenburg abgestellt. Hier konnte die Lok durch das
SEH im
Januar 1999 besichtigt und schließlich
zusammen mit 230.106/38 3199 im April 1999 erworben werden.
Eine
betriebsfähige Aufarbeitung schied wegen nicht
vorhandener Einsatzmöglichkeiten aus. Da die Arbeiten zur
Lauffähigkeit im
Angebot des rumänischen Werks nur mit einem
aufgezwungenen Umfang gleich einer
Hauptuntersuchung möglich war, entschieden
wir uns zur Zerlegung der Lok in ihre
Hauptbauteile. Verladen auf drei
Güterwagen traf 50.397 im April 2003 in
Heilbronn ein und wurde zunächst provisorisch
zusammengesetzt. In
Anlehnung an die Umzeichnungen der Fremdlokomotiven wird
50.397 nach der optischen Aufarbeitung im
Zustand der Deutschen Reichsbahn die deutsche Betriebsnummer 57 3597 erhalten.
(JB) |