Eine
Besonderheit im Bestand der KPEV bildeten die sogenannten Fakultativwagen.
Der Grundgedanke dieser
Wagen war eine Bauart für wechselweise Verwendung im Güter- und
Personenverkehr. Diese Bestrebungen hatten
militärische Gründe und so fanden für diese Fahrzeuge auch die Bezeichnungen
Miltär- oder Wechselwagen
Verwendung. Innerhalb des Deutschen Reichs beschafften neben der KPEV auch
die Staatsbahnen in Bayern,
Oldenburg, Sachsen und die Reichseisenbahnen Elsaß-Lothringen zum Teil
beträchtliche Stückzahlen dieser
Wagen. Allgemein zeigt sich aber, daß die Wagen relativ selten im
Militärverkehr genutzt wurden, sondern vielmehr
den Bedürfnissen des Saisonverkehrs dienten.
Konstruktiv sind die Wagen den zweiachsigen, gedeckten Güterwagen ähnlich,
verfügen aber zusätzlich über zwei
Endplattformen für den Fahrgastwechsel. Technisch kann zwischen gebremsten
und ungebremsten Wagen sowie
von 4,0m, 4,5m und 5,5m Achsstand unterschieden werden. Fallweise wurden die
beidseitigen Schiebetüren im
Personenverkehr ausgebaut und der freie Raum wie der übliche Wagenkasten mit
einem Seitenwandeinsatz
geschlossen. In der Ausstattung und Anzahl der Fenster gab es einige
Unterschiede. Die Einrichtung der
Staatsbahnen war mit Bretterbänken sehr einfach gehalten und bot 40
Reisenden Platz. Obwohl eher der vierten
Klasse zugehörig, liefen die Wagen stets als III. Kl.-Wagen und trugen bei
der KPEV die Gattungsbezeichnung Ni.
Eine Heizung war nicht vorhanden, später jedoch gemäß Merkbuch von 1915
zumindest eine durchgehende
Heizleitung. Der Beleuchtung dienten vier Kerzenhalter an den Stirnseiten
des Innenraums. Bei den Privatbahnen
oder durch spätere Umbauten kamen auch Pack- und Postabteile hinzu, ebenso
Dampfheizung und Öl- oder
Gasbeleuchtung. Interessant sind die erst kürzlich bekanntgewordenen
Anstrichvorschriften zwischen 1911 und
1923. Demnach waren die Wagen ab 1.1.1911 weiß, ab 22.3.1913 dunkelgrün,
während des Krieges ab 20.2.1915
rotbraun und schließlich ab 28. September 1923 wieder dunkelgrün zu
streichen.
Über die
Geschichte unseres Wagen ist noch nichts bekannt. Ebenso unklar ist seine
Betriebsnummer. Anfang der
90er-Jahre wurde er im Gebiet der ehemaligen DDR entdeckt und zunächst in
Hamburg-Wilhelmsburg hinterstellt.
Anschließend wechselte er nochmals den Eigentümer, blieb aber vor Ort. Seit
2004 ist er im Bestand des SEH. Ziel
ist es, den Wagen gemäß preußischem Musterblatt I20 von 1891 zu restaurieren
und zusammen mit der pr. T9.1
und weiteren zwei- und dreiachsigen Länderbahnwagen einzusetzen. Mit
Speichenrädern, Stangenpuffern,
Beschriftung in Schattenschrift einschließlich der Hinweisschilder für
„Nichtbeladung mit Vieh“ und
Kerzenbeleuchtung wird er ein attraktives Unikum im umfangreichen
Länderbahn-Wagenpark des SEH werden.
(JB)