Süddeutsches Eisenbahnmuseum Heilbronn

                       Kronprinzenwagen „Berlin 20“

 

Bei der Machtübernahme Kaiser Wilhelms II. im Dreikaiserjahr 1888 genügten die preußischen Hofzugwagen größtenteils nicht mehr den technischen Anforderungen für einen freizügigen Einsatz. Das gestiegene Reisebedürfnis machte die Anschaffung neuer Fahrzeuge notwendig, da auch Komfort und Ausstattung der zwei- und dreiachsigen Wagen nicht mehr dem Zeitgeschmack entsprachen. Als erster Wagen des neuen Hofzugs konnte 1889 der sechsachsige Hofsalonwagen des Kaisers ausgeliefert werden. Bis zu seiner Abdankung wurden insgesamt 30 Hofzugwagen beschafft, die sich in Salonwagen, Gefolgewagen, Speise- und Küchenwagen, Packwagen, Revisionswagen und Telegraphenwagen unterteilten. Bis auf zwei Ausnahmen wurden alle Wagen außen blau-weiß lackiert. Warum die bayerischen Farben verwendet wurden, ließ sich bis heute nicht klären. Der Hofzugwagen wurde für die Reisen je nach Bedarf zusammengestellt und verkehrten als eigenständiger Zug. Abweichend von den übrigen Wagen wurden für den Einzeldienst zwei Hofsalonwagen mit besonderem Grundriß und mit gewöhnlichem grünen Außenanstrich beschafft, die je nach Bedarf planmäßigen Zügen beigestellt wurden. Einer der beiden Wagen war für den Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen bestimmt. Dieser heiratete am 6. Juni 1905 die Herzogin Cecilie von Mecklenburg-Schwerin. Noch im selben Jahr lieferte die Breslauer A.G. für Wagenbau den Hofzug-Salonwagen für den Kronprinzen, der die Bahnnummer „Berlin 20“ erhielt. Sein Anschaffungspreis betrug damals stolze 112.850 Mark. Das Paar war danach häufig auf repräsentativen Reisen im In- und Ausland. Der sechsachsige Wagen hatte eine Länge von 20405 mm und war mit seinem Dienstgewicht von 60,2 t der schwerste jemals gebaute Salonwagen. In seiner Aufteilung und Ausstattung wich er grundlegend von den bisher üblichen Fahrzeugen ab. Der im Jugendstil gehaltene Salon war mit drei Metern Länge recht kurz und wurde über Drehtüren von einem Wagenende her betreten. Alle anderen Räumlichkeiten wurden durch einen Seitengang erreicht. Im Anschluß an den Salon folgten Schlafraum I und Schlafraum II, die untereinander durch einen in Wagenmitte liegenden Gang verbunden waren, von dem der dazwischenliegende Toilettenraum erreicht wurde. Es folgten zwei Schlafabteile für das Gefolge mit einem ebenfalls gemeinsam genutzten Toilettenraum. Im Anschluß daran kamen zwei Abteile für die Dienerschaft. Eines davon erhielt eine Kochgelegenheit und Lebensmittelschränke. Am anderen Wagenende fanden noch ein WC und der Ofenraum für die Warmwasserheizung Platz. Die Wagenübergänge entsprachen den Normalien für D-Zug-Wagen. Zum Übergang auf ausländische Bahnen stattete man den Wagen mit vier verschiedenen Bremssystemen aus. Neben der seinerzeit üblichen Gasbeleuchtung gab es bereits elektrische Lampen, die über Achsgenerator und Batterie gespeist wurden. Bis zum Kriegsausbruch 1914 stand der Wagen, seit 1912 allerdings in Danzig beheimatet, dem Kronprinzen zur Verfügung und wurde häufig genutzt. Danach war der Wagen wieder in Berlin, stand jetzt aber dem Reichskanzler zur Verfügung. Nach dem verlorenen Krieg und dem Ende der Monarchie wurde der Wagen in den 20er- und 30er-Jahren als Salonwagen unter der Nummer 10375 genutzt. Bei Kriegsende stand er in Malente-Gremsmühlen und diente dann zunächst dem Reichsbahn-Generaldirektor der Britischen Zone als Wohnwagen. In dieser Zeit führte man auch einige Umbauten an der Innenausstattung aus. Mittlerweile in Bielefeld beheimatet, wurde der Wagen noch bis 1954 als Salonwagen unter der neuen Betriebsnummer „Hannover 5093“ für den Bahnvorstand genutzt, ehe er zur weiteren Verwendung als Lehr- und Unterrichtswagen zum Bundesbahnzentralamt Minden kam. Für diesen Verwendungszweck wurde der Wagen erneut umgebaut. Die beiden großen Schlafräume und der Salon wurden als ein Unterrichtsraum zusammengefaßt und mit Klappstühlen und vielfältigem Unterrichtsmaterial ausgerüstet. Im Jahre 1964 war das Ende seiner Nutzung gekommen. Viele Teile der Inneneinrichtung waren bereits verloren, als der Wagen im Januar 1965 von den Eisenbahnfreunden Hameln vor der Verschrottung in Limburg gerettet wurde. Im Anschluß daran wurde der Wagen aufgearbeitet und bei einer Rundfahrt am 5. März 1966 unter Anwesenheit von Prinz Louis Ferdinand von Preußen eingesetzt. Fortan nutzen ihn die Eisenbahnfreunde als Treffpunkt, ehe er 1973 nochmals auf Rundfahrt ging. Im Februar 1981 war er bei der Fernsehsendung „Bio’s Bahnhof“ zu sehen. Nachdem die Unterhaltung im Freien immer schwieriger wurde, kam der Gedanke, den Wagen an das neu entstehende Berliner Verkehrsmuseum abzugeben. Im Juni 1984 übernahm allerdings der „Eisenbahn-Kurier“ den Wagen und ließ ihn wieder betriebsfähig aufarbeiten. Als äußerlich historisches, jedoch im Inneren völlig umgestaltetes Charterfahrzeug erfolgte seine weitere Nutzung. Höhepunkt seiner Nutzung war im August 1991 die Überführung der Särge der Preußenkönige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. von Hechingen nach Potsdam. Als Begleitfahrzeug diente er der Hohenzollernfamilie und einigen Ehrengästen. Leider erschwerten sich dann die Einsatzbedingungen für den Eigentümer in Deutschland, so daß man den Wagen der Nostalgieabteilung der Österreichischen Bundesbahn zur Nutzung überließ. Nach weiteren Einsätzen stellte man den Wagen außer Dienst. Ziemlich in Vergessenheit geraten wurde er zuletzt in Wien Nord als Unterkunft von einem Obdachlosen mißbraucht. Das SEH erinnerte sich an den Wagen und konnte ihn zunächst als Leihgabe erwerben. Im August 2001 wurde der Wagen auf eigenen Achsen nach Heilbronn überführt. Da der Wagen mittlerweile einige Schäden davongetragen hat und eine Restaurierung und eventuelle betriebsfähige Aufarbeitung sehr große Anstrengungen erfordert, kann erst nach Eigentumsübergang darüber nachgedacht werde