Süddeutsches Eisenbahnmuseum Heilbronn

Elektrische Rangierlokomotive E63 08

 

Mitte der 30er-Jahre entstand erneut ein Bedarf an elektrischen Rangierlokomotiven. Als Weiterentwicklung der ab
1927 in vierzehn Exemplaren gebauten E60 entstand nun die E63 in zwei äußerlich wie technisch unterschiedlichen
Varianten, die nach Bauart AEG (E63 01-04, 08) und BBC (E63 05-07) unterschieden werden. Nachdem unsere Lok
der AEG-Bauart angehört, lassen wir die BBC-Bauart hier weitgehend unberücksichtigt.
Aus mehreren Entwürfen der Lokindustrie entschied sich die Deutsche Reichsbahn für die Variante mit einem Motor
und drei gekuppelten Achsen. Bedingt durch die fortgeschrittene Entwicklung der elektrischen Antriebstechnik konnte
die Neukonstruktion im Vergleich mit der E60 deutlich leichter ausgeführt und so insbesondere auf die
unwirtschaftliche Laufachse verzichtet werden. Gleichzeitig kam es zu einer Steigerung der Zugkraft. Die Radsätze
und der Stangenantrieb wurden nach Forderung der Reichsbahn unverändert von der E60 übernommen. Der
Fahrmotor der AEG-Bauart EKB 860/1 kam auch bei den Baureihen E04 und E18 zur Anwendung. Der Antrieb der
drei gekuppelten Radsätze erfolgte über eine Vorgelegeblindwelle und einen Schrägstangenantrieb der Bauart
Winterthur auf die hintere Kuppelachse.
Der vollständig geschweißte Blechrahmen bestand aus 25mm dicken Rahmenwangen, die durch
Querverbindungen, das Vorgelegegußstück und die Pufferbohlen versteift waren. Die AEG-Lok hatten ab Werk ein
Ballastgewicht von 1,2t und erreichten dadurch eine Anfahrzugkraft von 167kN.
Die Lok hat eine Länge über Puffer von 10200mm. Der Achstand von 4500mm war gleichzeitig der feste Radstand.
Durch einen um 10mm geschwächten Spurkranz und einer seitlichen Verschiebbarkeit von 25mm je Richtung der
mittleren Kuppelachse wurde ein zwangloses Durchfahren von Krümmungen bis 150m Bogenhalbmesser möglich.
Der Laufkreisdurchmesser der Räder betrug neu 1250mm, abgenutzt noch 1170mm. Das Dienst- und
Reibungsgewicht betrug 53,1t.
Das Führerhaus war außermittig angeordnet. Im vorderen, längeren Teil der kastenförmigen Vorbauten befanden
sich Fahrmotor, Lüfter, Trafokühler, Stromteiler, die Fahrtwenderschütze und der Luftpresser. Im hinteren
Kastenvorbau waren der ölgekühlte Haupttransformator, die Ölpumpe und das motorisch angetriebene
Nockenschaltwerk mit 14 Dauerfahrstufen untergebracht. Die E63 hatten im Ablieferungszustand einen
Stromabnehmer des Typs "AEG H II S2D", welcher über zwei Schleifstücke verfügte. Dieser wurde nach dem
Krieg gegen einen der Bauart "SBS 10", der standardmäßig über nur ein Schleifstück verfügte, getauscht.
Einen Hauptschalter bekam die E63 nicht, sondern lediglich eine auf dem Dach angeordnete Hochspannungs-
Schmelzsicherung.
Die Bedienung durch den Lokführer war gegenüber der E60 wesentlich erleichtert und sehr einfach. Für die
Steuerung des Fahrmotors wurde ein einfacher Fahrschalter mit vier Stellungen eingebaut. In der „Auf“- bzw. „Ab“-
Stellung bewegt sich entsprechend die Schaltwalze, in der „Fahrt“-Stellung wird die eingestellte Fahrtstufe
beibehalten und in der „Null“-Stellung wird der Fahrstrom unterbrochen und das Schaltwerk läuft zurück in die
Nullstellung.
Die Druckluftbremse wirkt einseitig von hinten mit jeweils zwei Bremsklötzen auf jedes Rad. Als Handbremse dient
ein vom Führerstand zu betätigendes Bremshandrad mit Getriebe. Die Sandstreuer sanden jeweils die in
Fahrtsichtung erste Achse von vorn.
Alle E63 waren ab Werk mit einer Sicherheitsfahrschaltung ausgerüstet. Im Betriebsbuch der E63 08 steht hier die
Ausrüstung mit der Bauart BBC, andere Quellen nennen die Bauart AEG. Weiterhin waren die Lok mit zwei
Signalpfeifen und einer Läutevorrichtung ausgerüstet. Auf eine Einrichtung mit Zugheizung wurde wie bei der E60
verzichtet.
In den Jahren 1960/61 wurden die Lok im Unterhaltungs-AW München-Freimann im Rahmen einer E5 technisch
überholt und modernisiert. Äußerlich auffällig waren die Ausrüstung mit Rangierbühnen, die erweiterte Verglasung
des Führerhauses mit gummigefassten Fenstern und der weinrote Anstrich. Außerdem erfolgte die Ausrüstung mit
DB-Einheitslampen bei gleichzeitiger Verlegung des Spitzenlichts auf die Vorbauten. Die fünf AEG-Lok hatten
während ihrer gesamten Einsatzzeit nie einen Rangierfunk.
Während der gesamten Dienstzeit blieben die E63 ausschließlich für den Rangierdienst mit kriegsbedingten
Ausnahmen stets in Augsburg, Garmisch, München und Stuttgart beheimatet und wurden zwischen 1976 und 1979
ausgemustert. Gemäß Umzeichnungsplan von 1968 erhielten alle acht Lok die Baureihenbezeichnung 163.
Die E63 08 war die erstgebaute Lok einer 1937 bestellten Lieferserie von acht Maschinen für die Beheimatung in
Nürnberg und Halle. Kriegsbedingt wurde dieser Auftrag storniert und die Lok somit die letztgebaute E63 und
gleichzeitig die letztgebaute elektrische Rangierlokomotive einer deutschen Staatsbahn. Ihre Auslieferung für einen
Beschaffungspreis von 169688.-RM erfolgte erst 1940 unter der AEG-Fabriknummer 5056. Am 7. März 1940 wurde
sie mit einer Abnahmefahrt von München-Laim nach Landshut in Betrieb genommen. Die Urkunde hierfür im
Betriebsbuch datiert auf den 18. März 1940. Eine andere Quelle datiert die Abnahme auf den 2. Juni 1940.
Erste Heimat wurde das Bw München Hbf, bei dem die Stationierung am 9. März 1940 beginnt. Ihr Einsatzgebiet
waren die verschiedenen Münchener Bahnhöfe und teilweise auch Bahnhöfe des Münchener Oberlandes.
Streckendienste sind bei der E63 keine bekannt geworden. Der Einsatz endete mit der Umbeheimatung zum Bw
Garmisch, bei dem E63 08 ab dem 1. September 1942 auch ausschließlich im Rangierdienst im Einsatz stand. Bei
Kriegsende befand sich Die E63 08 beim Bw Bludenz. Obwohl eine Quelle die Stationierung dort auf das Jahr 1943
datiert, erscheint eine offizielle Umbeheimatung fraglich. Zumindest für 1945 ist der Einsatz dort bestätigt und die
Lok soll im November 1945 im Austausch mit österreichischen Bauarten wieder zurück nach Bayern gekommen
sein. Spätestens seit April 1948, wahrscheinlich aber ununterbrochen, lautete das Heimat-Bw wieder Garmisch. Hier
blieb die Lok bis zum 17. Januar 1952 und war anschließend bis zum 23. November 1959 beim Bw Augsburg
beheimatet. Die verbleibenden 17 Jahre ihres Betriebseinsatzes verbrachte die Lok beim Bw Stuttgart. Bereits nach
drei Wochen Einsatz in Stuttgart kam E63 08 am 16. Dezember 1959 nach einer Gesamtlaufleistung von 744731
km seit Anlieferung zur angesprochenen Modernisierung in das AW München-Freimann und stand dem Bw Stuttgart
erst am 2. Juni 1960 wieder zur Verfügung. Der z-Stellung am 12. November 1976 folgte die Ausmusterung am 28.
April 1977.
Zusammen mit der E63 05 der BBC-Bauart wechselte die Lok in den Museumsbestand des Verkehrsmuseums
Nürnberg. Zunächst abgestellt, wurde E63 08 ab 1985 von einer BSW-Gruppe im Bw München-Ost betreut.
Zusammen mit weiteren E-Lok stand sie jahrelang in der Museumsaußenstelle Garmisch abgestellt. Nach deren
Auflösung verlegte man die Sammlung auf das Gelände des Bw Augsburg zum im Entstehen begriffenen
Bahnparkgelände. Nachdem hier auch die 1991/92 von Krauss-Maffei restaurierte E63 05 ausgestellt ist, war an der
trotz des langen Betreuungszeitraums äußerlich nur wenig hergerichteten E63 08 kein großes Interesse vorhanden,
so dass das SEH die Maschine fast genau drei Jahrzehnte nach ihrer Ausmusterung als Leihgabe des DB-
Museums übernehmen konnte. Die Überführung nach Heilbronn erfolgte in der Nacht vom 6. zum 7. April 2007 im
Schlepp einer NeSA-V100.
Zunächst ist vorgesehen, die begonnene optische Aufarbeitung im Zustand der 60er-Jahre zum Abschluss zu
bringen. Nachdem die baugleichen E63 01 und 02 ebenfalls erhalten sind, kann mittelfristig auch über einen
Rückbau in den Ablieferungszustand nachgedacht werden. (JB)